Geschichte und Entstehung

Über die Entstehung des Angorakaninchens gibt es viele Theorien, wirklich sicher kann jedoch niemand sagen, welchen Lauf die Geschichte nahm.
Nach WISCHER (1937) brachten englische Matrosen die langhaarigen Kaninchen (auch Seidenhasen genannt) aus Südrussland über das Schwarze Meer mit nach Europa, wo sie in England und Frankreich schnell Anklang fanden. KARL WEIßENBERGER (1971) widerspricht dieser Ansicht und legt Quellen (NIEHAUS) dar, die darauf schließen lassen, dass das Angorakaninchen schon um 1400 in England bekannt war. Da der Langhaarfaktor auch beim Wildkaninchen vorkommt, was man zum Beispiel in der Sammlung der Forsthochschule Eberswalde in Form eines grauen langhaarigen Wildkaninchens (geschossen 1888) besichtigen kann, ist durchaus denkbar, dass die Tiere in England eingefangen und domestiziert wurden. Hier in der Wildbahn überleben jedoch die langhaarigen Tiere sehr schlecht. Durch Regen und Schmutz verfilzt die Wolle sehr schnell, sie sind dadurch nicht so beweglich und leichte Beute für Raubtiere und werden somit schnell selektiert.
 
Ob diese Annahmen jedoch richtig sind, ist unklar, sodass man im entsprechenden Wikipedia-Artikel nachlesen kann, dass Angorakaninchen erst seit etwa 300 Jahren aus England bekannt sind und SANDFORD eine Quelle von 1707 zitiert, in der Angorakaninchen als „White shock Turky Rabbit“ erwähnt werden. WEIßENBERGERS Interpretation kommt mir persönlich ebenfalls sehr schlüssig vor, denn er meint, dass es bereits zu Zeiten von Königin Anna (England, 1702-1714) Gesetze gab, nach denen die Ausfuhr von auf englischem Boden „gewachsenen“ Produkten zu verzollen war. Darunter aufgezählt wurden Kaninchenbälge und Kaninchenhaare oder -wolle. Es ist also anzunehmen, dass die langhaarigen Tiere zu diesem Zeitpunkt bereits seit einer Weile in England gezüchtet wurden. "Angorakaninchen", nach einem Bild von Anton Baker aus dem Jahre 1789 (Titelblatt der Mayerischen Anleitung zur Angoraischen oder englischen Kaninchenzucht)
"Angorakaninchen", nach einem Bild von Anton Baker aus dem Jahre 1789 (Titelblatt der Mayerischen Anleitung zur Angorischen oder englischen Kaninchenzucht)
 
 1723  brachten vermutlich englische Matrosen die ersten nachweisbaren Tiere nach Frankreich (Bordeaux) um sie für viel Geld zu verkaufen. Wie sie die Kaninchen jedoch nach Frankreich am „englischen Zoll vorbeischmuggelten“ bleibt ebenfalls unklar.  
 
Die erste Einfuhr nach Deutschland erfolgte 1777 durch von Meyersbach von London nach Deutschland (Franken), darüber sind sich alle Quellen einig. Es handelte sich nach WISCHER um ein noch sehr junges Kaninchenpärchen, ob es tatsächlich weiße Tiere waren, konnte ich jedoch in keiner der älteren Quellen nachlesen.
Um die Verbreitung des Angoras von Franken aus kümmerte sich Pfarrer F. Ch. S. Mayer aus Oberneit. In kürzester Zeit hatte er Tiere in die verschiedensten Regionen „verpflanzt“. So hatte er bereits sieben Jahre nachdem das junge Kaninchenpärchen bei ihm Einzug hielt, Tiere „…nach Ansbach, nach Wien, Prag, nach Sachsen, Schlesien, in das Hohenlohische, in das Ansbachische und Bayreuthische, ja sogar nach Holland…“ verbracht, wie er in seinem 1784 erschienenen französischen Buch „Anleitung zur Angorischen oder englischen Kaninchenzucht“ schrieb.
 
Dieses Buch enthält einige bemerkenswerte „Erfahrungswerte“ von MAYER, die auch heute noch gelten. Mein absoluter Favorit ist diese etwas dramatische Erklärung, warum ein Angorakaninchen schon als Junges „enthaart“ werden muss: „…die Haare zeigen sich nicht gleich bei der Geburt des Tieres, sondern erst vier bis sechs Tage hernach; aber sie fangen dann schon an, merklich zu wachsen, so dass das Tier drei Monate nach seiner Geburt und in der Hälfte seiner gewöhnlichen Größe schon ganz mit reifen Haaren bedeckt ist. Man muss sie also zu der Zeit abnehmen. Denn da die Natur unverzüglich neue hervorbringt, so würden diese anderen sich mit jenen ersten, im falle man sie stehen ließe,  nicht nur vermengen, sondern auch dem Tiere in diesem Zustande einen schleunigen Tod veranlassen,  weil diese verworrene Mischung die Ausbildung der Knochen hindert, die Nerven mit den Eingeweiden zusammenzieht und dadurch seinen Tod beschleunigt…“ Und es ist tatsächlich so, dass wie hier beschrieben, verfilzte Tiere sterben, da ihnen unter dem „Pelz“ zu warm wird und sie die Nahrungsaufnahme verweigern (ganz nach dem Motto „Warum auch Nahrung/Energie aufnehmen, wenn mir eh schon warm genug ist?“).

In den folgenden hundert Jahren wurde die Angorazucht von staatlicher -königlicher und kurfürstlicher- Seite unterstützt, da man den Wert der feinen Wolle erkannte.
Innenstallungen einer bekannten englischen Angorazucht - Pencombe Hall Rabbitry
Innenstallungen einer bekannten englischen Angorazucht - Pencombe Hall Rabbitry
So wurden in Heeresstellen Abteilungen gebildet, die Freiwillige in der Kaninchenzucht und -haltung anlernten (bei Magdeburg), in Preußen und Sachsen wurden hohe Wollprämien gezahlt (16 Groschen pro Pfund Wolle von selbst gehaltenen Tieren) und es wurde Forschung betrieben, wie man die ausländischen Angoras am Besten mit den heimischen Hauskaninchen verpaarte um Tiere mit Wolle und in der Farbe weiß zu erhalten. So gibt es Aufzeichnungen darüber, wie viele Jungtiere eine heimische Häsin im Jahr von einem Angorarammler brachte (bis zu 36 Stück), wie viele mit längerem Haar fielen und was die Generationen danach für Erfolge brachten. Denn nicht nur die echte Angorawolle war wertvoll, sondern auch die Haare der „Halbarten“, da diese etwas länger als von normalen Kaninchen und somit gut zur Herstellung von Hüten geeignet waren.
 
Dennoch zitiert WISCHER BREHMS Tierleben von 1877 damit, dass die Versuche, das Angorakaninchen in Deutschland heimisch zu machen, fehlgeschlagen seien und auch in MEYERS Konversations Lexikon von 1889 stand noch „…Es (das Angorakaninchen) eignet sich nicht zur Zucht in Deutschland…“; und das, obwohl BAUER auf seiner Homepage folgendes -mit anderen Quellen Übereinstimmendes- schreibt: „…laut Literatur wurde 1874 in Bremen eine erste Kaninchenausstellung und damit Interesse für diese Tierart geweckt. Der allererste Verein der Kaninchenzucht wurde am 12. April 1880 in Chemnitz/Sachsen gegründet. Die erste Schau, die dieser Verein abhielt, fand 1885 statt. Auf dieser wurden 5 Rassen ausgestellt. Es handelte sich um die Belgischen Riesen, die Französischen Widder sowie Angora, Silber- und Russenkaninchen. Julius Lohr hatte zu diesem Zweck die ersten Musterbeschreibungen für diese Rassen ausgearbeitet. Er gilt auch heute noch als 1. Deutscher Zucht- oder Preisrichter für Kaninchen. Wie erwähnt, ist das Angorakaninchen eine der Ältesten wenn nicht sogar die älteste Rasse unserer Kaninchen. Es stammt also gleichfalls vom Wildkaninchen ab…“ (Quelle: Ulrich Bauer, www.angora.de, Stand 09.03.2010).
 
Das Angorakaninchen gehörte also zu den fünf ersten „anerkannten“ Rassen in Deutschland und hatte sich bereits zu diesem Zeitpunkt in Deutschland voll etabliert.
 
In den darauffolgenden Jahren wurden die Angorakaninchen nicht auf Wollqualität sondern auf Wolllänge gezüchtet, 25-40cm waren keine Seltenheit. Das änderte sich mit dem ersten Weltkrieg, da die Erzeugung von Wolle wieder gefördert wurde. Gleiches geschah während des zweiten Weltkriegs. Nach DORN wurden staatliche und private Angorafarmen eingerichtet und allein die deutschen Heeresstellen hielten 1941 25.000 Angorakaninchen. Nach beiden Weltkriegen erlitt die Rasse jedoch einen Niedergang, da die Wolle nicht mehr gebraucht wurde. Um den totalen Zusammenbruch der Rasse zu verhindern, wurden Maßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel die Errichtung eines Angorazuchtbuches und die Einführung von Stationsleistungsprüfungen.  „…Diese Bemühungen zur Leistungssteigerung der Angorakaninchen führte dazu, dass sich der durchschnittliche Wollertrag der geprüften Tiere von 330 g/Jahr für Rammler bzw. 422 g/Jahr für Häsinnen im Jahr 1935 auf 1243 g/Jahr (Rammler) bzw. 1430 g/Jahr (Häsinnen) im Jahr 1993 steigerte. Deutsche Angorakaninchen zählen damit weltweit zu den leistungsfähigsten Tieren dieser Rasse. Die wirtschaftliche Bedeutung der Angorawolle war in der DDR noch von großer Bedeutung, allerdings kam es durch die Entwicklung besserer Kunstfasern zu einem starken Preisverfall der Angorawolle, so dass die Zucht der Angorakaninchen heute in Deutschland reine Liebhaberei ist…“ (Wikipedia, Stand 09.03.2010).
 
Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen nahm das Angorakaninchen 2002 auf die Rote Liste der bedrohten Haustierrassen auf. Es steht heute in der Kategorie I „extrem gefährdet“.
 
Die Angorazucht in Sachen schien etwas besser gestellt, denn in einer Analyse der Rassekaninchenzucht Sachsens durch die Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft 2002 konnten nachfolgende Ergebnisse festgestellt werden:
 
Zurzeit hat der Landesverband Sächsischer Kaninchenzüchter 8.370 organisierte Züchter. Diese Züchter betreuen insgesamt 10.300 Zuchten. Davon sind 1,2 % also ca. 120 Angorazuchten in Sachsen noch zu verzeichnen. Sehr viele haben jedoch nur Kleinstbestände aus alter Tradition oder als Zweitrasse, so dass eigentlich nur 33 aktive Züchter auf Schauen aktiv sind. Von den 33 auf Schauen zu verzeichnenden Angorazüchtern sind 17 Mitglieder im Angoraclub Sachsen organisiert.
 
Auf einer Angoraclubschau in Oberlungwitz des Freistaates Sachsen 2001 wurden von Weißen Angoras 9 Zuchtgruppen und 37 Einzeltiere ausgestellt. Darüber hinaus eine Zuchtgruppe und sechs Einzeltiere des schwarzen Farbenschlags, zwei Einzeltiere in blau und drei russenfarbig.
 
Die Ergebnisse bei der Bewertung der Angoras waren hervorragend. So konnte allein bei den Weißen Angoras 6 mal die Note Vorzüglich und 10 mal Hervorragend verabreicht und weitere 20 mal die Note Sehr Gut vergeben werden. Auch bei den Blauen Angoras wurde 1-mal Hervorragend vergeben.
Ein hoher Zuchtstand der wenig verbliebenen Angoras ist damit nach wie vor nachweisbar.“
 
Mein Gespräch mit Siegfried Sauer (Feb. 2010) lässt jedoch nicht viel Gutes für das Deutsche Angorakaninchen hoffen. Obwohl es noch einige Züchter in Deutschland gäbe (60 wirklich aktive in Dtl.), würde der Bestand kontinuierlich sinken. Begründet hat er dies mit dem absoluten Fehlen von Nachwuchszüchtern in der Angorakaninchenzucht. Seiner Rechnung nach, sind all diese aktiven Züchter über 50 Jahre alt, die Hälfte davon sogar über 70 Jahre und es ist abzusehen, dass eben diese Hälfte in den nächsten fünf Jahren vermutlich ihre Zucht aufgeben muss. Es ist also an den jüngeren Generationen, das Überleben dieser bemerkenswerten und geschichtlich überaus interessanten Kaninchenrasse zu sichern. Sollten wir uns dieser Aufgabe nicht annehmen, wird die Arbeit vieler Generationen vor uns vollkommen sinnlos gewesen und ein großes Stück Kulturgut verloren sein!